Landschaftspflege

Naturschutz und Landschaftspflege - ist das nicht ein Widerspruch?

Diese Frage ist durchaus berechtigt, denn zunächst denkt man beim Schutz von Natur vielleicht an den Schutz von eigendynamischen Prozessen, wie sie in der Natur normalerweise vorherrschen. Dieses Bild von Naturschutz hat auch seine Berechtigung und wird in unserer anthropogen überformten Landschaft oft vergessen. Denn nur in den großen Nationalparks oder in vom Menschen weitgehend unbeinflussten Landschaften (vom Menschen völlig unbeeinflusste Landschaften gibt es auf der Erde gar nicht mehr) kann dieses "Wildnis-Bild" umgesetzt werden. Es braucht dazu riesige Flächen und auch den Mut nicht nur Ereignisse wie Überschwemmungen, Stürme, Feuersbrünste etc. zuzulassen, sondern anschließend auch zuzuwarten, wie sich die Natur aus diesen Katastrophen neu entwickelt. Daraus können durchaus "ungewohnte" und neue Landschaften mit einer ganz anderen Artenausstattung als zuvor entstehen.

Für das Zulassen derartiger Großereignisse ist unser Schwäbisches Donaumoos zu klein: Große Hochwässer am Fluß wären z. B. eine Katastrophe für viele Gemeinden und Bürger und eine unkontrollierte großflächige Wiedervernässung der Moorflächen nicht weniger. Ausserdem hat der Naturschutz auch das gesetzlich verankerte Ziel, in alten Kulturlandschaften das Miteinander von alten Nutzungskulturen und daraus entstandenen "Natur-Landschaften", auch mit dem Ziel einer hohen Biodiversität, zu erhalten. Und dies ist dann das weite Feld der sog. "Landschaftspflege". Wichtig dabei erscheint noch zu betonen, dass natürlich auch die heutige Nutzung in der Landschaft im Wortsinne eine "Kulturlandschaft" erzeugt, doch besitzt diese heutige Kulturlandschaft nirgends mehr die Artenvielfalt früherer Zeiten. Da nun aber viele dieser Arten heute noch in Restbeständen vorkommen oder bei richtiger Behandlung der Flächen noch vorkommen könnten und der Schutz dieser Arten auch ein gesetzlicher Auftrag für den Naturschutz ist, sind die richtigen Formen der Landschaftspflege wichtiger denn je - und zwar um Natur und Artenvielfalt zu erhalten.

Im Folgenden werden die wichtigsten Maßnahmen der Landschaftspflege im Schwäbischen Donaumoos kurz vorgestellt - die klassischen Formen Streuwiesenpflege, Brennenpflege und Entbuschungen sowie - ganz modern - Beweidung und Schaffung von Flachmulden:

Die Sibirische Schwertlilie - eine Zielart der Streuwiesenpflege im Schwäbischen Donaumoos

Streuwiesenpflege

Streuwiesen entstanden in früheren Jahrhunderten durch die normale Landwirtschaft. Die Bauern mähten die nassen Wiesen nur einmal spät im Jahr. Das dann meist schon dürr gewordene Gras wurde als Einstreu im Stall verwendet. Dieses Mahd-Regime und die nassen Standorte waren der Grundstock für die Entwicklung einer hohen Artenvielfalt auf diesen Flächen. Seit mit zunehmender Ackernutzung hauptsächlich Stroh als Einstreu genutzt wurde fielen die Streuwiesen brach und  die Biodiversität verringerte sich. Diesen Prozess möchte der Naturschutz verhindern: Die alte Nutzungsform wird imitiert und im Rahmen der Landschaftspflege diese Standorte wieder im Spätherbst gemäht. Die Lebensräume für die typischen Arten wie Mehlprimel, Helmknabenkraut, Prachtnelke, Sibirische Schwertlilie und Trollblume werden erhalten.

Brennenpflege

Starke Hochwässer verursachen an den Gleitufern der Flussschlingen beachtliche Ablagerungen von Kies und Sand. Werden diese später nicht mehr überschwemmt und kaum von Auelehm überlagert, bilden sich, in folge der geringen Wasserrückhaltefähigkeit des Untergrundes, sehr trockene Standorte. Zur Trockenheit des Standorts kommt bei Sonnenschein das Aufheizen der Steine im Untergrund hinzu. Dies führte zum Namen „Heißländ“ oder „Brenne“ für derartige Stellen im sonst feuchten Auwald.
Hier entwickelte sich eine speziell daran angepaßte Halbtrockenrasen-Vegetation mit z. B. Hummelragwurz, Brandknabenkraut, Gekieltem Lauch und Kreuzenzian. In früherer Zeit wurden diese Wiesen beweidet, zunächst von Wildtierherden, später dann hauptsächlich mit genügsamen Schafen. Nachdem sich aufgrund der Verringerung und auch Zersplittertheit der einzelnen Brennenstandorte, dazwischenliegende Triebwege verschwanden mit zunehmender Forstwirtschaft und Zersiedelung, die Schafbeweidung heute nicht mehr lohnt, werden die Brennen nun gemäht. Leider fördert die Mahd andere Pflanzen als die Beweidung, so dass sich die Pflanzendecke im Laufe der Zeit ändert.
In den letzten Jahren wurden im Rahmen der Biotoppflege einige verbuschte und überwaldete Brennen wieder freigestellt. Durch Mahdgutauftrag von anderen Brennen und angepasste Pflege zeigen diese Standorte bereits nach wenigen Jahren eine erfreulich gute Entwicklung. Ein besonders gelungenes Beispiel ist die Haldengries-Brenne bei Leipheim.

Hummelragwurz (Ophrys holosericea)
Schafherde auf der Brenne
Kreuzenzian (Gentiana cruciata)
Wieder hergestellte Brenne "Haldengries" bei Leipheim

Entbuschungen

Das Schwäbische Donaumoos war zu Zeiten eines intakten Wasserhaushalts eine weithin offene Landschaft aus Schilfröhrichten und Seggenrieden. Im Zuge der Absenkung der Wasserstände fassten holzige Gewächse Fuß und es bildeten sich dichte Weidengebüsche und kleine Birkenwälder. Bevor nun der Wasserstand wieder angehoben wird, müssen diese „Stör-Elemente“ entfernt werden. Gehölze sorgen für eine hohe Verdunstung, die dem Moor einen großen Teil des zugeführten Wassers wieder entzieht. Ausserdem brauchen die ursprünglich hier heimischen Niedermoorpflanzen viel Licht, sie würden im Schatten der Gehölze verkümmern. Die Wiesenbrüter benötigen weithin freie Sicht ohne hohe Sichtbarrieren. Das Niedermoor soll jedoch nicht komplett „entbuscht“ werden, da sich natürlicherweise am Rand mit sogenannten Bruchwäldern wertvolle weitere Lebensräume bilden.

Die Entbuschungen werden bei uns hauptsächlich von ortsansässigen Landwirten im Auftrag der ARGE Donaumoos in den Wintermonaten durchgeführt, bieten diesen so eine zusätzliche Erwerbsquelle und sorgen für eine bessere Auslastung mancher Maschinenausstattung wie Seilwinden etc.. Allerdings müssen in bestimmten Fällen auch Spezialmaschinen zur Rodung eingesetzt werden, wie z. B. Gebüsch- und Stockfräsen, Amphibien-Fahrzeuge (Truxor) mit div. Anbaumaschinen und in nassen Torfstichen auch große, leistungsstarke Bagger auf Holzmatratzen.

Beweidung

Das Weiden von Vieh ist zwar eine uralte Form der Nutzung von Graslandschaften und teilweise sogar von Wäldern - man denke nur an die früher üblichen dorfnahen Allmendweiden, die Wacholderheiden auf der Schwäbischen Alb oder an die Almen im Gebirge - doch der Einsatz von Weidesystemen zum Zwecke der Landschaftspflege erfolgt erst seit kurzem.

Die ARGE Donaumoos errichtete schon Mitte der 1990er Jahre 2 große Weideflächen im Gundelfinger Moos, ausVergleichsgründen ursprünglich eine für Exmoor-Ponys und eine für Ochsen verschiedener Rassen geplant. Mittlerweile grasen auf beiden Weideflächen Exmoor-Ponys und auf weiteren Flächen Schottische Hochland-Rinder. Rinder dieser Rasse weiden seit ein paar Jahren auch im Leipheimer Moos, dort und auch im angrenzenden Langenauer Ried seit kurzem auch Wasserbüffel.

Früher wurden die Moorflächen im Schwäbischen Donaumoos von großen Schafherden genutzt, von den vielen Schäferbetrieben sind jedoch nur noch 2 hauptamtliche übrig geblieben. Diese sind für den Naturschutz unverzichtbare Partner.

Der große Vorteil von Weidesystemen ist die Offenhaltung der Landschaft und das Kurzhalten der Grasvegetation ohne Maschineneinsatz. Zu guter Letzt dienen die Tiere sogar noch als hochwertige und wohlschmeckende Nahrungsmittel für uns Menschen. Die Ergebnisse des Fraßes sind jedoch natürlich nicht so detailliert steuerbar wie beim Maschineneinsatz, so dass durchaus auch die eine oder andere seltene Pflanze in einem tierischen Magen landet, aber durch den Fraß und die Tätigkeit der Tiere, z. B. auch duch Bodenverletzung durch den Tritt, entsteht eine so enorme Vielfalt an ökologischen Nischen, dass die Artenvielfalt oder Biodiversität enorm profitiert und unterm Strich die Vorteile etwaige Nachteile deutlich überwiegen.

Allerdings müssen die Flächen dazu sehr extensiv beweidet werden, also mit wenig Tieren pro Flächeneinheit, sodass eine Beweidung kleiner Areale von vornherein ausscheidet und der Ertrag pro Flächeneinheit für den Viehhalter erheblich geringer ausfällt als bei einer normalen Viehhaltung. Daher muss diese Art der Flächenpflege mit Fördermitteln unterstützt werden.

Schaffung von Flachmulden

Normalerweise sind Flächen in der Landschaft nie ganz eben, sie haben Buckel und Mulden. Gerade in weiten Flußtälern wie im Schwäbischen Donaumoos waren diese nassen Mulden früher überall, denn die ehemaligen Schlingen aus der Wildfluß-Ära liegen noch überall in der weiten Ebene und diese füllen sich bei starken Regenfällen noch immer eine Zeit lang mit Wasser. Im Zuge der mechanisierten Bewirtschaftung verschwinden diese Unebenheiten immer weiter und tiefere und größere Mulden wurden und werden mit Boden und/oder Fremdmaterial aufgefüllt. Damit wird zwar die Bewirtschaftung erleichtert, aber es verschwinden für viele Pflanzen und Tiere wichtige Kleinstrukturen aus der Landschaft.

An solchen flachen Mulden können jedoch Vögel trinken und baden, Amphibien und viele Wasserinsekten können darin leben und nicht zuletzt wachsen darin und an den Ufern ganze andere Pflanzengesellschaften wie auf den trockeneren Flächen daneben.

Um wenigstens einen kleinen Teil dieser ursprünglichen Vielfalt wieder zurück zu bekommen, werden im Zuge der Landschaftspflegemaßnahmen neue Flachmulden in Wiesen, an Grabenrändern oder Ufer von Baggerseen gebaut. Natürlich dauert es Jahrzehnte, bis sich dort wieder stabile, artenreiche Gesellschaften einfinden, aber die Flachwasserbereiche ziehen mobile Arten wie Vögel oder Libellen in unserer ausgeräumten Landschaft wie magisch an. Kiebitze, um nur ein Beispiel zu nennen, brüten immer dann in größerer Zahl im Schwäbischen Donaumoos, wenn es im Frühjahr viele Flachwasserbereiche gibt und dann wählen sie ihre Brutplätze immer in der Nähe derselben.